Warum der erste Websiteentwurf nicht der Anfang ist
Einleitung
Es ist ein vertrauter Moment in Websiteprojekten: Der erste Entwurf liegt auf dem Tisch. Alle sprechen über Farben, Abstände und die Größe des Logos. Die Fragen, die über den Erfolg der Seite entscheiden, kommen manchmal erst danach: Wen genau soll sie erreichen? Woran erkennt diese Person, dass das Angebot zu ihrem Problem passt? Und was soll nach dem Besuch passieren?
Ein guter Entwurf macht die Antworten auf diese Fragen sichtbar. Fehlt die gemeinsame Richtung, kreist die Besprechung selbst bei starkem Design schnell um Geschmack.
Wie sich die Reihenfolge in der Praxis verändert, lässt sich an einem fiktiven Beispiel durchspielen: Ein Softwareunternehmen bietet eine Lösung für die Wartungsplanung in Industriebetrieben an. Das Produkt kann viel. Die bisherige Website erklärt Funktionen, zeigt Screenshots und bietet einen Button „Demo buchen“. Trotzdem sind die Gespräche mit neuen Interessenten oft unpassend oder beginnen mit grundlegenden Rückfragen. Was müsste vor dem nächsten Entwurf geklärt werden?
Aim: Erst die Entscheidung definieren, dann die Seite
Das Team muss zuerst entscheiden, für wen der wichtigste Seitenpfad gebaut wird. In unserem Beispiel könnte das die Leitung der Instandhaltung eines mittelständischen Produktionsbetriebs sein. Sie möchte Wartungen planen, ohne dass Termine, Maschineninformationen und Verantwortlichkeiten in verschiedenen Tabellen verloren gehen.
Damit bekommt die Website eine klare Aufgabe: Sie zeigt zuerst, für welche Betriebsgröße und Ausgangslage die Lösung gedacht ist, was sich im Alltag damit verändert und welche Voraussetzungen für die Einführung gelten. So erkennen beide Seiten vor einer Demo, ob ein Gespräch sinnvoll ist.
Vor dem Design würde ich deshalb ein kurzes Entscheidungsbriefing schreiben: Wer kommt mit welcher Frage auf die Seite? Welche Aussage soll nach wenigen Sekunden verstanden sein? Welche Einwände sind zu erwarten? Welcher echte Beleg beantwortet sie? Was ist der nächste, zumutbare Schritt? In unserem Beispiel könnte der Beleg ein nachvollziehbarer Einführungsablauf oder ein freigegebener Einblick in eine reale Anwendung sein. Fehlt ein solcher Beleg, gehört seine Beschaffung als offene Aufgabe ins Briefing.
Diese Klärung ist Aim, die erste Phase unseres Frameworks ACP42. Ein fokussierter Workshop kann dafür reichen. Entscheidend sind seine Ergebnisse: Festlegungen, an denen sich Struktur, Text und Design prüfen lassen.

Create: Aus der Entscheidung wird ein nachvollziehbarer Seitenpfad
Erst jetzt lohnt sich der visuelle Entwurf. Für die Wartungssoftware könnte der Pfad so aussehen: Die Einstiegsseite benennt das Problem und grenzt das Angebot ein. Eine eigene Lösungsseite erklärt, wie Planung, Dokumentation und Zuständigkeiten zusammenlaufen. Ein echter Produktblick zeigt die Oberfläche dort, wo eine abstrakte Behauptung nicht mehr reicht. Der Abschnitt zur Einführung beantwortet die Frage, wie aus bestehenden Daten und Prozessen ein nutzbares System wird. Erst danach fordert die Seite zur Demo auf und erklärt, was in diesem Termin passiert.
Der passende Seitenpfad hängt vom Produkt und von der Entscheidungssituation ab. Bei einem erklärungsbedürftigen Angebot kann der nächste Schritt ein fachliches Gespräch oder eine technische Vorprüfung sein. Die Festlegungen aus Aim bestimmen, welche Seiten gebraucht werden und wie sie miteinander verbunden sind.
Hier liegt auch der technische Anteil von Create. Der Seitenpfad muss auf dem Smartphone funktionieren, wichtige Inhalte zugänglich halten und Anfragen zuverlässig übertragen. Dazu gehören eine lesbare Hierarchie, zugängliche Bedienung, passende Medien, geprüfte Formulare und eine Architektur, die spätere Lösungsseiten aufnehmen kann.
Konzeption, Entwicklung und Sichtbarkeit gehören dafür an denselben Tisch. Im Web Studio von Elephant greifen diese Leistungen vom Briefing bis zur laufenden Optimierung ineinander. Der Entwurf lässt sich dann daran messen, ob er den festgelegten Seitenpfad trägt.
Promote: Sichtbarkeit ist im Entwurf schon angelegt
Promote beginnt in unserem Beispiel bei den Fragen, mit denen Menschen nach einer Lösung suchen. Wer „Wartungsplanung Software“ eingibt, möchte möglicherweise direkt Produkte vergleichen. Bei „Wartungsprotokolle digitalisieren“ geht es zunächst eher um den Arbeitsablauf. Diese unterschiedlichen Einstiege sollten auf der Website passende Antworten finden, entweder auf einer gemeinsamen Seite oder auf sinnvoll miteinander verlinkten Seiten.
Deshalb gehören Themen und Seitenlogik bereits in das Entscheidungsbriefing. Welche Suchfragen sind für den Anbieter relevant? Welche Seite beantwortet welche davon wirklich? Von welchem Fachartikel gelangt man sinnvoll zur Produktlösung? Wo führt die Navigation weiter, wenn jemand zuerst die Einführung verstehen will? Die Antworten prägen die Struktur, die später gestaltet und entwickelt wird.
Nach dem Start muss das Team prüfen, ob seine Annahmen tragen. Die Search Console kann zeigen, über welche Suchanfragen und Seiten Menschen zur Website finden. Ein sauber gemessenes Formular für Demos oder Kontaktanfragen erfasst den nächsten Schritt. Im Vertrieb zeigt sich anschließend, ob die anfragenden Betriebe tatsächlich zur Lösung passen. Aus diesen Gesprächen lassen sich Inhalte und Anfrageweg weiter verbessern.
So bilden Aim, Create und Promote einen Lernkreislauf. Vielleicht zeigen die Suchanfragen, dass ein anderes Problem wichtiger ist als gedacht. Vielleicht häufen sich in Demos dieselben Fragen zur Integration. Dann gehört die Antwort zurück auf die Website. Der nächste Entwurf baut auf diesen Beobachtungen auf.
Was vor dem ersten Layout auf dem Tisch liegen sollte
Für ein Projekt mit Geschäftskunden reichen zu Beginn oft fünf konkrete Festlegungen:
- Ein vorrangiger Besucherkontext: Wer hat welches Problem und was weiß diese Person bereits?
- Eine beabsichtigte Entscheidung: Was soll nach dem Seitenbesuch klarer sein, und welcher nächste Schritt ist angemessen?
- Belastbare Belege: Welche Aussagen können mit realen Projekten, Produktansichten, Abläufen oder überprüfbaren Fakten gestützt werden?
- Ein erster Seitenpfad: Welche Inhalte braucht die Person in welcher Reihenfolge und auf welchen Seiten?
- Ein Prüfpunkt nach dem Launch: Woran erkennen wir, ob der Pfad die richtigen Menschen erreicht und ihre Fragen beantwortet?
Diese Festlegungen geben dem Design eine überprüfbare Aufgabe. Bei der Besprechung des ersten Entwurfs steht damit eine bessere Frage im Raum: Hilft er der richtigen Person, die richtige Entscheidung zu treffen?
Der erste Websiteentwurf ist der erste sichtbare Prüfstein eines Projekts. Seine Grundlage entsteht früher: in der Klarheit darüber, für wen die Website arbeitet, was sie belegen kann und wohin sie Menschen führt. Daraus werden Gestaltung, Entwicklung und Sichtbarkeit zu Teilen desselben Projekts.
Über den Autor: Per Starke ist Mitgründer von Kröner & Starke und verantwortet dort Webdesign, Entwicklung und KI. Er hat ACP42 als Framework für strategische Websiteprojekte entwickelt.




